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| | Das schreibt die Presse über unsere Gruppen und Projekte: | Django à la Swing und - Kammermusik: Helmut Nieberle und die Cordes Sauvages
39, 42, 48, 10
Bevor man sich ans Schreiben einer Besprechung macht, pflegt man ins eigene Textarchiv zu gehen und nachzuschauen, was man über den oder die betreffende(n) Künstler(in) schon früher mal geschrieben hat. Und gelegentlich gibt’s wieder mal das bohrende Gefühl, dass es gar nicht um den berühmt-berüchtigten "Mut zur Lücke" geht, sondern um die "Peinlichkeit der Lücke", die sich nicht vertuschen lässt, indem man sich einredet, es gäbe ja so furchtbar vieles auf der gitarristischen Welt, und man könne ja schließlich nicht alles usw. usf. Dass Helmut Nieberle sich bisher nirgends im agas-Archiv fand, ist sehr peinlich. Mit um so mehr Nachdruck sei die neueste CD von Helmut und den "Cordes Sauvages" ins Gespräch gebracht. "Swing 2010" [bobtale records, o. N.] heißt sie, ein augenzwinkernd gewählter Titel, der sich munter einreiht in Djangos jahresdatierte "Swing"-Stücke, nämlich "Swing 39", "Swing 42" und "Swing 48".
So, und nun also "Swing 2010" als Salut zum Hundertsten Reinhardts, mit dem sich auch dieses höchst erbauliche Quintett einreiht in die kunterbunte Phalanx der Gratulanten.
Dass sie das tut, ist ein Glücksfall, denn die Platte ist auch einer. Helmut, mal an der Archtop, mal an der wohl nur übers Mike gespielten akustischen Steelstring (nach Maccaferri- oder Favino-Art), der nicht genug zu lobende Klarinettist Stephan Holstein, eine Art männlicher Sabine Meyer des traditionelleren Jazz, dann der Idealswinger Ferry Baierl an der Rhythmusgitarre, Wolfgang Kriener am großen Bass und Scotty Gottwald am Schlagzeug - diese fünf wandern auf ihren routes to Django keine Klischee-Pfade entlang und gehen sehr unangestrengt und selbstverständlich zu Werke, wenn es darum geht, ausgetrampelte Pfade zu meiden. Es kann schwindlig machen, sich klar zu machen, dass es diese "Cordes Sauvages" - die alles andere als sauvage sind! - schon über ein Vierteljahrhundert gibt, ein Ensemble, das sich nicht extra auf die Fahne schreiben muss, "anders" ans Thema Gypsyjazz oder jazz manouche heran zu gehen als die anderen. Sie tun's einfach, was sehr wahrscheinlich daran liegt, dass sie Swing und Kammermusik zu gleichen Teilen im Blut haben, mehr Jimmy Guiffre als Hubert Rostaing.
Dass hinter Scottys Namen nicht "Schlagzeug" oder "Drums" oder "dr" steht, sondern schlicht und ergreifend "snare + hihat", spricht Bände, und zwar über Klasse statt Masse, Ökonomie statt irrwitziges Showoff- und Showdown-Theater, besten Geschmack, besten Stil, beste Arrangements (wie in ihrer Fassung von Reinhardts "Swing 48") - Kammerjazz. Plus der wunderbar federnde Swing, den eingefleischten Swing-Fans in der Rhythmus- "Pumpe" traditioneller Gypsies mit ihren schweren Downstrokes all zu oft fehlt. Aber die "Pumpe" ist nun mal eine europäische Angelegenheit mit langer Geschichte und verzwickter Ethnik; und oft kann man meinen, sie grenze sich all zu bewusst ab gegen die amerikanische Spielweise, wie sie durchaus von einer Reihe von Roma- und Sinti-Gitarristen praktiziert wird, die bemüht sind, noch im riesigen Schatten des Meisters eine eigene Stimme zum Klingen zu bringen.
Man muss hier nicht Stück für Stück "durchnehmen". Aber dass das "Riffifi", das Helmut mit den Cordes akustisch spielt, ganz wehmütig-nostalgische Gefühle wachruft, Erinnerungen an schwarzweiße Filmklassiker, schwere Samtvorhänge, plüschige Sessel, Vorfilme und Wochenschauen, sollte getrost erwähnt sein. Es sollten die Nieberle-eigenen Stücke erwähnt sein, der erwähnte Titelsong, der herrliche bal-musette-Spaß in Moll namens "Valse Gazeuse", sein "Mood Manouche", der einen Max Raabe entzücken würde und schließlich sein "Petit Paris" mit der imposanten Intro auf der Jazzgitarre. Und sagen sollte man ruhig auch noch, dass Djangos "Fleur d'Ennui" hier zum beschwingenden Weekend-Song mit dem Flair von Kaffeehaus, Salon und kleiner Theaterbühne wird. Und dass John Lewis' "Django", ursprünglich eine eher un-djangoeskes, sehr langsames Moll- Weise, hier zum kammermusikalischen und durch zum Teil recht unkonventionellen Begleitakkorden angereicherten Kleinod wird.
In toto ergibt das 13 Stücke (sechs davon von Django R.), 13 kleine, hell schimmernde Perlen des traditionellen konzertanten Jazz. Stephan Holsteins Klarinettenspiel, weich und elegant, wunderbar fließend und von größter Wärme, schützt vor jeglichem Absturz ins Kitschambiente; Helmuts akustisches und - auf der Archtop - verstärktes Spiel drängt sich nie auf, absolviert die artistischsten Unisoni mit der Klarinette; und vor allem bewahrt sein Stil vor jedem Abdriften ins bis zum Überdruss zu hörende übliche Gypsy"swing"- Einerlei. Er ist eben ein Jazzgitarrist, auch wenn er auf der akustischen Steelstring schon vom Sound her dem klassischen Zigeunerjazz-Klangbild recht nahe kommt. Die eigentliche, dezente Vermittlerarbeit zwischen Alter und Neuer Welt leistet - neben der Klarinette, versteht sich - die Rhythmusgruppe, in der vor allem das Spiel Ferry Baierls überrascht als wunderbar leicht, locker, elastisch swingend, eben so, wie man es sich beim Hören konventioneller Gypsyswing-Gruppen so oft wünscht....
Kurzum: im Django-Superjahr ein besonderes Hörvergnügen kammermusikalischer Delikatesse, der Eleganz, der Wärme, des feinen Arrangements, der Ökonomie, der Ruhe und Balance. Und jeder Menge ganz und gar jazziger Überraschungen.
(Alexander Schmitz) |
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